1. Lärmspaziergang durch Hennickendorf

Veranlassung:

  1. Die „Mitteilung über eine Lärm-Messfahrt über den Großen Stienitzsee“ stieß auf großes Interesse, deshalb wollen wir diese Art von Untersuchungen fortführen.
  2. „Hier ist ein Lärm, als würden wir direkt im Industriegebiet wohnen“ – so eine Anwohnerresonanz aus dem Areal Herzfelder Weg und Ernst-Thälmann-Straße, aus diesem Gebiet kommen seit Jahren Beschwerden über Anlagenlärm.

So lag es nahe, zunächst den südöstlichsten Teil Hennickendorfs zu begehen, zumal dieser Teil relativ nah zum Zementwerk liegt.

Durchführung:

Gemessen wurde parallel mit den 3 Messgeräten SE 322 (extern kalibriert), SE 320 und AZ 8922 (kalibriert bei 1000 Hz/94 dB). Diese Messgeräte messen nur im kalibrierbaren Frequenzbereich 0,1 – 8 kHz genau genug, für tiefere (Windräder) oder höhere Frequenzen und zur Frequenzanalyse zwecks Verursacherermittlung müssten uns die Gemeinde oder Spender die Nutzung eines höherwertigeren Schallpegelmessgerätes ermöglichen, das mit Zubehör ca. 10 T€ kostet.

Da mit dem Rentenalter das Hörvermögen bei Frequenzen über 10 kHz praktisch endet, hat mich als Zeuge ein jüngerer Musiker mit feinerem Gehör begleitet. Gemessen wurde ohne Straßenverkehrslärm bzw. der minimale Lärmpegel, der sich ohne wahrnehmbare Vorbeifahrtgeräusche ergab, also wenn das allgemeines Rauschen dominierte. Ob dieses Rauschen durch entfernten Straßenverkehr, Industrieanlagen oder wahrscheinlich beide Ursachen verursacht wird, konnte bei Lärmpegeln kleiner als ca. 40 dB(A) nach dem Gehör nicht mehr unterschieden werden.

Mit Straßenverkehrslärm würden die Messwerte sehr viel höher ausfallen! Das zeigen die Aufzeichnungen unserer 3 Messstationen während des Lärmspazierganges hier, der selbst oben auf dem Wachtelberg zu einem sehr viel höheren Mittelwert führt:

Es gab keinen bzw. nur sehr schwachen Wind aus östlicher Richtung, der den Lärm aus dem Industriegebiet zusätzlich zur mit der Entfernung quadratischen Ausbreitungsdämpfung nur geringfügig gedämpft haben kann. 

Ergebnisse (SE 320 / SE 322 / AZ 8922):

  1. Bank auf Steg am Großen Stienitzsee in Höhe der Meisterhäuser
    37 / 37 / 36 dB(A)
  2. Einfahrt zum Wohnpark „Am Stienitzsee“
    40 / 40 / 39 dB(A)
  3. Bergstraße, SO-Ecke der Gebäude und Hallen an der Ex-Deponie, seit 2012 Sitz des Bauhofes
    34 / 34 / 33 dB(A)
  4. Platz vor Wohngebäude Pappelhain 18
    36 / 36/ 35 dB(A)
  5. Ostgrenze Betriebsgelände „Berolina Metallspritztechnik Wesnigk GmbH“,
    Pappelhain 30, Tel.: 033434 / 1550-00
    58 / 58 / 56 dB(A);
    zusätzlich ca. aller 6 Sekunden sehr viel lautere, kurze Zischtöne
  6. Straßenrand Strausberger Straße (L23), Gleisübergang/Abzweig Pappelhain zum Betriebsgelände Strausberger Straße 8H
    39/39/38 dB(A)

Vergleichswert für normale Wohngebiete:
Nachbargemeinde Rehfelde, Parkplatz Elsholzstraße Nr.6,
gemessen mit SE 320:   33 dB(A)

Auswertung:

Zum Zeitpunkt der Lärmmessungen, die am späten Nachmittag erfolgten, wurde an obigen Messstellen in Wohngebieten kein Lärmpegel des deutlich wahrnehmbaren Grundrauschens festgestellt, der den Nachts zulässigen Immissionsgrenzwert für Industrieanlagen von 40 dB(A) überschreitet. Mithin ist das erst recht nicht für die Nachtstunden anzunehmen, weil die Straßenverkehrsdichte dann geringer ist, die zu dem Grundrauschen beiträgt.

Die Messung Nr. 6 legt nahe, dass der Industrielärm von CEMEX – so unangenehm er auch empfunden wird – eher nicht Ursache für begründete Beschwerden im „Wohngebiet Herzfelder Weg“ über zu hohen Anlagenlärm sein kann, obwohl das zumeist angenommen wird.

Mit der Messung Nr. 5 wurde dagegen im Gewerbegebiet Pappelhain eine außergewöhnlich laute Lärmquelle entdeckt, die auch am Messort Nr. 4 wahrnehmbar war, dort aber den nachts zulässigen Immissionsgrenzwert von 40 dB(A) mit nur 35 – 36 dB(A) weit unterschritt.

Die regelmäßigen sehr lauten, kurzen Zischlaute erfordern ggf. einen Zuschlag von 3 oder 6 dB(A) aufgrund der Impuls- und Tonhaltigkeit dieses Anlagenlärms, sofern sie an bestimmten Immissionsorten, die noch nicht systematisch untersucht wurden, deutlich hörbar sind. In diesen Fällen erscheint mit einem Zuschlag von 6 dB eine  Überschreitung des Immissionsgrenzwertes dort möglich, falls diese regelmäßigen Lärmspitzen (ähnlich wie das Abblasen eines Sicherheitsventils oder die Entspannung von Pressluft) auch in der Nacht hörbar sind?

Zwischen der Lärmquelle SO-Ecke Firmengelände und den Wohnhäusern stehen lückenhaft andere Betriebsgebäude, die diesen Anlagenlärm abschirmen und reflektieren, so dass er unterschiedlich stark auf die einzelnen Wohnhäuser dahinter trifft:

Die ersten Wohnhäuser sind nur ca. 160 m vom Messort 5 entfernt. Ähnlich weit ist die Strausberger Straße vom Betriebsgelände der „Berolina Metallspritztechnik Wesnigk GmbH“ entfernt, wo ohne dazwischenliegende Gebäude und ohne Verkehrslärm dieses charakteristische Anlagengeräusch sehr deutlich hervortrat und hier lauter war als das allgemeine Grundrauschen, dass vom Industriegebiet/CEMEX mitverursacht ist.

Da diese Lärmquelle gegen 17:15 entdeckt wurde kann es aber auch sein, dass in den Nachtstunden in Abhängigkeit von den zulässigen Betriebszeiten dieser Anlage diese Geräusche garnicht mehr auftreten? Durch Begehungen der Anwohner ab 22:00 und vor 6:00 lässt sich dies leicht kontrollieren. Die Öffnungszeiten dieser Firma sind mit Mo – Do 06:00 – 22:00 Uhr angegeben, Sa – So ist geschlossen, dagegen arbeiten die Anlagen im Industriegebiet mit Ausnahme des Tagebaus durch. Somit stellt sich die Frage, ob die störenden Anlagengeräusche bevorzugt bei westlicher Windrichtung und auch am Wochenende auftreten?

Da wie in der Grafik oben gezeigt jedweder Anlagenlärm vom Straßenverkehrslärm mitten im Ort weit übertroffen wird, sollten sich m.E. alle Anstrengungen darauf richten

  1. den LKW-Verkehr aus den Wohngebieten fern zu halten,
  2. den ÖPNV durch kurze Taktzeiten von 10 – 15 Minuten, eine umfassendere Linienführung mit wesentlich mehr Haltestellen in allen Wohngebieten zu stärken
  3. und entlang der Landes- und Bundesstraßen wirksame Lärmschutzwälle oder Lärmschutzwände zu errichten, um das allgemeine Rauschen durch den Straßenverkehr zu minimieren.

In Lärmaktionsplänen sind auch sogenannte „ruhige Gebiete“ auszuweisen. Ein solches schützenswertes, potentiell ruhiges Gebiet wurde auf dem Gelände unterhalb der ehemaligen Deponie Hennickendorf entdeckt, siehe Messung Nr. 3. Deshalb könnten perspektivisch hier ein Erholungspark und/oder ein Pflegeheim entstehen oder ein „Reines Wohngebiet“ von besonderem Wert, sobald der z.Z. hier angesiedelte Bauhof in freie Hallen an der Berliner Straße oder in ein ausgewiesenes Gewerbegebiet umzieht.

UPDATE (22.11.2018):

„Auf Einladung der Geschäftsführung der „Berolina Metallspritztechnik Wesnigk GmbH“ besuchte am 16.11.2018 eine 4-köpfige BI-Delegation den im 2-Schichtbetrieb nur am Tag zwischen 6 und 22 Uhr in Betrieb befindlichen Anlagenkomplex. Aus Lärmschutzgründen ist die Ausdehnung der Betriebszeiten in die Nacht hinein nicht möglich und auch nicht beabsichtigt.

 

Einvernehmen bestand darüber, dass auch unterhalb der Grenzwerte liegender Lärm insbesondere in den Abendstunden lästig ist und deshalb soweit wie möglich zu vermeiden. Herr Reiner Wesnigk und Herr Andreas Duda gaben uns Einblick in ein Schallgutachten der AIC Akustik und Ingenieur Consult aus dem Jahre 2010, wonach am Tag und unter Einbeziehung von 3 dB Zuschlägen (nur beim Plasmabeschichten) ein Beurteilungspegel von 43 dB(A) an den nächstgelegenen Wohnhäusern festgestellt wurden, der durch diesen Anlagenbetrieb verursacht wird. Allerdings können auch andere Lärmquellen mit auf diese Immissionsorte einwirken, was zu einer höheren Gesamtlärmbelastung führt.

 

Obwohl dieser Beurteilungspegel weit unter dem Grenzwert für die  Abendstunden lag, seien anschließend umfangreiche Schallschutzmaßnahmen mit Kosten von ca. 50 T€ realisiert wurden, die wir beim Betriebsrundgang besichtigten. Direkt an einer verschlossenen Werkstatttür, hinter der Roboter arbeiteten, habe ich einen Schallpegel von über 100 dB(A) gemessen!

Die Hallen und Schallschutzwände im Freigelände dämpfen diesen extrem hohen Schall direkt an den Arbeitsplätzen sehr stark, an den lauten Lüftungsanlagen der Hallen wurden Schalldämpfer nachgerüstet. In der Vergangenheit kam es zu Ausfällen von Schalldämpfern, die erst zu spät nach Anwohnerbeschwerden entdeckt wurden. Ich regte deshalb an, vorbeugend durch Installation einer unserer online-Lärmmessungen (ca. 300 €) die Lärmemission kontinuierlich zu messen und automatisch auszuwerten.

 

Die periodische Abreinigung der Luftfilter ca. aller 6 Sekunden durch starke Druckluftstöße ist der Grund für die auffälligen lauten Lärmspitzen. Diese Abreinigungen fanden auch während des Rundganges einmal über einige Minuten hinweg statt, sie sind technisch bedingt nicht vermeidbar.

 

Die Berolina Metallspritztechnik Wesnigk GmbH beschäftigt 48 Mitarbeiter/innen, viele aus Hennickendorf, was wir ausdrücklich auch deshalb begrüßen, weil damit der Berufspendelverkehr zu weiter entfernten Arbeitgebern vermieden wird. Denn das mittlerweile flächendeckende ständige Rauschen des Autobahn- und Straßenverkehrslärms in unserer Region stellt eine weit höhere Lärmbelastung dar als der vom Gesetzgeber ungleich strenger limitierte Lärm von Industrieanlagen. Dies belegen auch folgende Messwerte am heutigen Sonnabendnachmittag (17.11.2018) mit nur wenig LKW-Verkehr an Standorten, die weit von Industrie und Gewerbe entfernt sind:

 

Ergebnisse (SE 320) mit / ohne Vorbeifahrten

  1. Eingangsbereich Krankenhaus Rüdersdorf (ohne Betrieb der Lüftungsanlagen)
    42 / 52 dB(A)

  2. Woltersdorf, Eingangsbereich Hotel Kranichberg
    41 / 66 dB(A)
  3. Woltersdorf, Ristorante Roma, Rüdersdorfer Str. 66
    43 / 70 dB(A)

  4. Rüdersdorf, Kulturhaus Martin Anderson Nexö, Autobahnseite
    55 / 65 dB(A)

  5. Rüdersdorf, Kalkberger Platz 7
    50 / 55 dB(A)
  6. Hennickendorf, am Seeufer des Großen Stienitzsees, unterhalb des Marstalls
    39 / 43 dB(A)

Wenn wir unsere Heimat schützen wollen, dann müssen wir aufstehen für einen attraktiven ÖPNV mit Taktzeiten von 10 Minuten und Fahrverbote insbesondere für den LKW-Verkehr durch unsere Ortsteile, andernfalls drohen uns bald Zustände wie hier in Rheinsberg Herbst 2018:

 

Herzliche Grüße

Jürgen Rudorf

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